Forschungsgegenstand – Deutungskämpfe im Übergang

„Deutungskämpfe im Übergang“ untersucht, wie historische Wandlungsprozesse gesellschaftlich und politisch ausgetragen werden und unter welchen Umständen dies zum Frieden beiträgt. Solche Übergänge entstehen u.a. im Umbruch politischer Ordnungen, historischer Epochen oder gesellschaftlicher Vorstellungen. In diesen Phasen treten oftmals „alte“, überwunden geglaubte politische Positionen hervor und verbinden sich mit „neuen“, heißen Konflikten. Die Beteiligten streiten dabei über Sichtweisen der Vergangenheit, um ihre Positionen in der Gegenwart zu untermauern und die Zukunft zu gestalten. Solche Auseinandersetzungen können in Gewalt eskalieren, bieten aber auch Chancen, Frieden zu konsolidieren.

Der Forschungsverbund untersucht diese „Deutungskämpfe im Übergang“ aus interdisziplinärer Perspektive, mit multi-methodischem Zugang und anhand von Fallbeispielen verschiedener Weltregionen. Die Fallbeispiele reichen von den Freicorps in Franken zu Zeiten der Weimarer Republik über die Rolle der Nürnberger Prozesse für die Demokratisierung von Argentinien bis hin zum Einfluss alternativer Wahrheiten auf Gewalt in der Westsahara und dem Sudan. Damit thematisiert der Verbund drängende gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit, insbesondere um Verantwortung für koloniale Gewalt, die Transformation von Kriegs- in Nachkriegsgesellschaften sowie universale Rechte und Diversität.

Bayerisches Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung

Über das Themenfeld „Deutungskämpfe im Übergang“ vernetzt der Forschungsverbund regionale Standorte der Friedens- und Konfliktforschung in Bayern. Beteiligt sind die Universitäten Augsburg, Bayreuth und Erlangen-Nürnberg sowie das Institut für Zeitgeschichte Berlin−München. Ziel der Kooperation ist es, ein interdisziplinäres Bayerisches Zentrums für Friedens- und Konfliktforschung zu gründen. Mit seinem geschichts- und sozialwissenschaftlichen Profil kann das Zentrum die bisher überwiegend politikwissenschaftlichen Institute der Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland ergänzen.

Zur Gründung des Zentrums trägt der Verbund auch über breite Transfermaßnahmen bei. Es werden Kommunikationsformate für Multiplikator*innen, regionale Öffentlichkeiten und die Politikberatung entwickelt. Der wissenschaftliche Nachwuchs – von Studierenden bis Postdocs – wird gefördert, um Forschende nachhaltig zu vernetzen. Nicht zuletzt soll über wissenschaftliche und öffentlichkeitswirksame Publikationen sowie Veranstaltungen – darunter Konferenzen, Vorträge und Podiumsdiskussionen – die nötige nationale und internationale Sichtbarkeit erzeugt werden.

Auf diesen Wegen soll die bislang bestehende regionale Lücke der Friedens- und Konfliktforschung in Bayern geschlossen werden. Der besonders interdisziplinäre Forschungszugang made in Bayern liefert zugleich wichtige Beiträge für die Wissenschaftslandschaft, Politik und Öffentlichkeit.

Forschungsansatz

„Deutungskämpfe im Übergang“ ist in drei Themenbereiche gegliedert, die jeweils Forschende mehrerer Standorte und Disziplinen zusammenbringen. Im Fokus stehen Deutungskämpfe um Friedensstrategien nicht-staatlicher Akteur*innen, Deutungskämpfe um Gewalt und Deutungskämpfe um universale Rechte und Diversität. Dabei kommt ein multimethodisches Forschungsdesign zum Einsatz, das geisteswissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und partizipative Ansätze verbindet. So sollen sowohl (grundlagen-)theoretische Beiträge als auch anwendungsorientierte Konzepte sowie ein gemeinsames, innovatives Forschungsprofil entstehen.

Darüber hinaus strebt der Verbund die lokale und regionale Vernetzung und Verstetigung an. Ein Schwerpunkt liegt dafür in der Friedensstadt Augsburg, wo die Veranstaltungsreihe „Friedensakademie“ sowie Peace-Summer-Schools stattfinden. Die Nachwuchsförderung besteht in der Entwicklung praxisorientierter Lehrkonzepte sowie Betreuungsangeboten für Promovierende und Postdocs. Für Transfer und Outreach werden Multiplikator*innen adressiert, verschiedene Online-Medien eingesetzt, Politiker*innen beraten und Policy-Papers erstellt. Die sehr anwendungsbezogene Forschung des Verbunds ermöglicht adressatengerechten Wissenstransfer und nachfrageorientierte Beratungsleistung.

Die Zusammenarbeit für Forschung, Vernetzung und Wissenstransfer soll nachhaltige Strukturen für das anvisierte Bayerische Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung schaffen.

Wissenschaftliche Verortung und Beiträge zur Forschung

Mit dem Blick auf machtvolle, konfliktive Prozesse und Gewalt adressiert der Forschungsverbund zentrale Aspekte der Friedens- und Konfliktforschung. Der Verbund greift dabei eine Vielzahl von Forschungssträngen auf und trägt zu diesen bei.

In Anlehnung an soziologische und anthropologische Forschung gehen die Forscher*innen des Verbunds davon aus, dass Übergänge zwischen gewaltsamen Konflikten und Frieden oft fließend sind. So betrachtet auch die historische Friedens- und Konfliktforschung zunehmend Prozesse der Mobilisierung und Demobilisierung, anstelle scharfer Zäsuren wie einer Kriegserklärung oder einem Waffenstillstand. An die Geschichtswissenschaften wird ferner dahingehend angeknüpft, dass Deutungen der Vergangenheit und damit einhergehende Auseinandersetzungen untersucht werden. Dabei geht es im Verbund aber nicht um “richtige” Deutungen der Vergangenheit, sondern darum gesellschaftliche Selbstverständigung und ihren Wandel über Deutungskämpfe zu verstehen.

Die Untersuchung von „Deutungskämpfen im Übergang“ greift zudem die Forschung zu Deeskalation und “Peacebuilding“ nach Gewaltkonflikten auf. In diesem Feld befasst sich insbesondere die Transitional-Justice-Forschung ebenfalls mit gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im Übergang. Der bisherige Schwerpunkt lag dabei aber bei der juristischen Aufarbeitung und ihren Risiken für den Frieden. Zugleich schließt der Verbund an post- und de-koloniale Theorien an, die Herrschaftsverhältnisse und verborgene Gewalt sichtbar machen. Folglich können Übergänge auch entstehen, wenn neue Deutungen verborgene Gewalt sichtbar machen oder zurückliegende Gewalt neu bewertet wird.

Darüber hinaus trägt „Deutungskämpfe im Übergang“ zur Untersuchung transnationaler Verflechtungen sowie zu übergreifenden Schlüsselkonzepten wie Macht, Erinnerung, Legitimation, Raum und Zeit bei.

Forschungsprofile der beteiligten Institutionen

Die beteiligten Institutionen verfügen über langjährige Erfahrungen in Forschung und Wissenschaftskommunikation. Dies bildet die Grundlage, um Deutungskämpfe im Übergang zu analysieren und ein Bayerisches Zentrums für Friedens- und Konfliktforschung zu gründen.

Zu den langjährigen Schwerpunkten des Lehrstuhls für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Augsburg (Prof. Dr. Christoph Weller) gehört die Frage nach der Legitimation von Gewalt. Betrachtet werden unterschiedliche Formen der Gewalt: physische, strukturelle, kulturelle und epistemische Gewalt. Die Wissenschaftler*innen am Lehrstuhl untersuchen zudem Erinnerungskulturen und die diskursive Verarbeitung von Übergängen. Auch tragen sie auf vielfältige Weise zu gesellschaftspolitischen Aktivitäten in der Friedensstadt Augsburg bei.

Im Zentrum des  Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg (Prof. Dr. Dietmar Süß) steht die historische Gewalt- und Konfliktforschung. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Gewalt nicht etwa ein Gegenentwurf, sondern integraler Bestandteil moderner Gesellschaften ist. In verschiedenen Projekten untersuchen die Mitarbeiter*innen Gewalt- und Konflikterfahrungen, die Verwissenschaftlichung von Kriegsführung und Friedensbildung sowie die Rolle von Kirchen in Gewaltkonflikten.

Am  Institut für Fränkische Landesgeschichte an der Universität Bayreuth arbeitet eine Forschungsgruppe (Dr. Julia Eichenberg) mit Perspektiven der historischen Friedens- und Konfliktforschung. Untersucht werden Übergangsphasen in den Krisen enden, Demobilisierung erfolgt und Nachkriegsordnungen geplant werden, insbesondere am Beispiel des Zweiten Weltkriegs.

Der  Lehrstuhl für Soziologie Afrikas an der Universität Bayreuth (Prof. Dr. Jana Hönke) untersucht Praktiken, Konfliktmanagement und Widerstand in Phasen des Übergangs im globalen Süden. Mit Ansätzen der soziologischen Frieden- und Konfliktforschung wird dabei vor allem die Rolle und Verantwortung multinationaler Unternehmen für Konflikte und Gewalt in Afrika erörtert. PD. Dr. Florian Kühn (Koordinator von „Deutungskämpfe im Übergang“) forscht in diesem Kontext zu internationalen Interventionen, dem liberalen Frieden und State-building-Prozessen.

Der  Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg (Prof. Dr. Simone Derix) sowie das Center for Human Rights Erlangen-Nürnberg (CHREN) befassen sich aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive mit transnationalen Akteur*innen, Netzwerken und Wahrnehmungen in Phasen des Übergangs. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Geschichte der Menschenrechte in Südamerika.

Das  Institut für Zeitgeschichte München−Berlin (geleitet von Prof. Dr. Andreas Wirsching) erforscht die deutsche Zeitgeschichte in ihren internationalen und globalen Bezügen. Dabei werden vielfältige Übergänge betrachtet, u.a. in der Demokratisierung, im historischen Selbstverständnis und in den transnationalen Beziehungen. Das Institut bringt zudem seine Forschungsinfrastruktur (Archiv, Bibliothek, Digitales, Öffentlichkeitsarbeit und Transfer) in den Verbund ein.