Deutungskämpfe um universale Rechte und Diversität

Die zeithistorische Forschung zur Geschichte der Menschenrechte hat jüngst eine erhebliche Dynamisierung erfahren. Im Fokus stand dabei zum einen der seit den 1970er Jahren verstärkt einsetzende Menschenrechtsaktivismus nicht-staatlicher Akteure mit Blick auf das sozialistische Ost(mittel)europa sowie Süd- und Zentralamerika. Zum anderen gelangten die Menschenrechte durch den KSZE-Prozess nachhaltig auf die Tagesordnung internationaler Politik.

Mit dem Ende des Kalten Krieges erlebten die Menschenrechte als Bezugspunkt eines neuen, westlich dominierten und universal gedachten Internationalismus einen weiteren substanziellen Bedeutungszuwachs. Seitdem ist dieses Modell einer internationalen Werteordnung mit tendenziell universaler Geltungskraft vielfach herausgefordert worden. Einerseits erfolgte die Konstruktion neuer partikularer Identitäten, insbesondere über die Kategorien Nation und Region, Ethnie und Religion, Geschlecht und sexuelle Orientierung, wobei speziell die Berücksichtigung von Diversität im menschenrechtlichen Kanon oftmals dazu dienen soll, den konkreten Betroffenheiten bestimmter Gruppen – etwa von Kindern, Frauen oder LGBTIQ – gerecht zu werden. Andererseits richten sich zunehmend nationalistische und populistische Bewegungen in aller Welt gegen den Anspruch universaler demokratisch-menschenrechtlich basierter Deutungen, was sich in den vergangenen Jahren vermehrt auch an sogenannten Backlash-Tendenzen festmachen lässt, die oftmals maßgeblich von autoritativen Entscheidungsinstanzen (mit)getragen werden (wie jüngst der Austritt der Türkei aus der Istanbul-Konvention).

Diesen Entwicklungen gehen in diesem Themenfeld ein zeitgeschichtliches Projekt zu Deutungskämpfen über die jugoslawischen Nachfolgekriege und ihren Folgen in Europa und ein sozialwissenschaftliches Projekt zu Deutungskämpfen im Kontext aktueller Kulturkonflikte nach. Neben diesen Forschungsvorhaben wird ein flankierendes Unterprojekt einschlägige Quellen zur Geschichte der Menschenrechte digital aufbereiten und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Menschen, Rechte, Identität(en).
Die jugoslawischen Nachfolgekriege und gesellschaftliche Deutungskämpfe im Europa der frühen 1990er Jahre

Dr. Christian Methfessel & Prof. Dr. Andreas Wirsching
Institut für Zeitgeschichte München−Berlin

In den frühen 1990er Jahren lösten der Zerfall Jugoslawiens und die darauffolgenden Kriege intensive Debatten in der europäischen Politik und Öffentlichkeit aus. Die Versuche einer gewaltsamen Neuziehung politischer Grenzen sowie das Ausmaß der Gewalt stellten grundlegende Normen der internationalen Politik infrage. Das Teilprojekt analysiert europäische – insbesondere britische und deutsche – Reaktionen auf die Entwicklungen im (post-)jugoslawischen Raum und untersucht dabei, wie öffentliche und nichtöffentliche Deutungskämpfe die politischen Entscheidungsprozesse beeinflussten.

Einzelne Fallstudien richten den Blick auf die Auseinandersetzungen um die Anerkennung Sloweniens und Kroatiens, die Gründung des „Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien“ sowie die Reaktionen auf die Fluchtbewegungen infolge der Jugoslawienkriege. Dabei wird jeweils gefragt, welche Friedenskonzepte und Vorstellung von der Zukunft Europas in Deutungskämpfen verhandelt wurden und den politischen Entscheidungen zugrunde lagen.

„Identitätspolitik“

Dr. Michaela Zöhrer & Prof. Dr. Christoph Weller
Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung, Universität Augsburg

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