Deutungskämpfe um Verantwortung
Die Verbundforschung konkretisiert die Rolle von Deutungskämpfen um Verantwortung und deren Folgen für Übergangsprozesse. Im Zentrum steht die Frage, wie Verantwortung für Gewalt in unterschiedlichen Kontexten politisch, rechtlich und moralisch definiert wird, welche Akteur*innen an diesen Definitionen beteiligt sind und welche Auseinandersetzungen darüber geführt werden. Da Verantwortung auf Vorstellungen von Gerechtigkeit rekurriert, untersuchen wir zudem, wie Bedeutungen von Gerechtigkeit hervorgebracht und zugeschrieben werden.
Die Teilprojekte erfassen Verantwortung sowohl als Quellenbegriff, also in ihrer Verwendung durch historische und gegenwärtige Akteur*innen, als auch als wissenschaftliche Analysekategorie. Dabei werden insbesondere auffällige Gegenläufigkeiten in Verantwortungsdiskursen herausgearbeitet. Damit leistet unsere Forschung einen Beitrag zu gegenwärtigen Diskussionen und Herausforderungen der Friedens- und Konfliktforschung, insbesondere im Blick auf „Lehren des Krieges“, Unternehmensverantwortung und unterschiedliche Justice-Konzepte. Zugleich liefern die beiden Teiluntersuchungen zur Verantwortung für Rüstungsexporte und sexualisierte Gewalt Erkenntnisse über historische und politische Verantwortungszuschreibungen sowie über divergierende Friedenskonzepte in aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.

Frachtcontainer für Rüstungsexporte
Quelle: Iain
Deutungskämpfe um Verantwortung im Rüstungssektor
Dr. K. Andra Avram, Prof. Dr. Jana Hönke & PD Dr. Julia Eichenberg
Lehrstuhl Soziologie Afrikas & Institut für Fränkische Landesgeschichte, Universität Bayreuth
Das Teilprojekt untersucht, wie Verantwortung für Rüstungsexporte und deren Folgen in bewaffneten Konflikten gedeutet und ausgehandelt wird. Im Mittelpunkt steht der Jemen-Krieg. Der Fall ist besonders aufschlussreich, weil Fragen der Verantwortung hier in unterschiedlichen Arenen verhandelt werden – von politischen Debatten über Exportentscheidungen und Embargos über zivilgesellschaftliche Initiativen bis hin zu nationalen und transnationalen Rechtsverfahren. Damit bietet er einen geeigneten Zugang, um unterschiedliche Praktiken und Vorstellungen von Verantwortung im Rüstungssektor zu untersuchen.
Konzeptionell greift das Projekt die Idee einer „Zone der Nicht-Verantwortung“ (Azarova 2021) als analytischen Ausgangspunkt auf. Es fragt, unter welchen Bedingungen Verantwortung sichtbar wird, wie sie zwischen staatlichen, unternehmerischen und gesellschaftlichen Akteuren zugeschrieben, begrenzt oder verschoben wird und wie sich solche Zuschreibungen im Zeitverlauf verändern. Hierzu verbindet das Projekt narrative Ansätze mit geschichts- und sozialwissenschaftlichen Perspektiven und untersucht Verantwortung als Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Aushandlungsprozesse in denen sich auch Vorstellungen von Gewalt, Gerechtigkeit und Accountability verändern.

Projektfoto folgt
Quelle: XX
Deutungskämpfe um sexualisierte Gewalt
Dr. Rebecca Gulowski & Prof. Dr. Christoph Weller
Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung, Universität Augsburg
Das Projekt greift die Problematik der sexualisierten Gewalt gegen Kinder und Jugendliche auf, die trotz ihrer globalen Relevanz in Deutschland lange Zeit nur begrenzte Aufmerksamkeit erhielt. Dabei ist sexualisierte Gewalt weder ein allein individuelles noch kriminelles Problem, sondern berührt zentrale gesellschaftliche, politische und strukturelle Fragen und ist gesellschaftlich tief verankert. Eng mit Machtverhältnissen und Geschlechterordnungen verknüpft, dient sexualisierte Gewalt nicht selten der Aufrechterhaltung sozialer Hierarchien, sei es im familiären Kontext, in pädagogischen Institutionen (z.B. Internate, Heimerziehung) oder in Peer-Kontexten.
In den letzten 15 Jahren hat sich mit den Aufdeckungen der Missbrauchsvorfälle in Institutionen, wie auch der unter dem #metoo und dem daraus resultierenden Engagement von Aktivist*innen der Betroffenenselbstorganisation der gesellschaftspolitische Diskurs und die institutionellen Reaktionen zur Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt verändert. Nach der Aufdeckung folgten gesellschaftspolitische Debatten und innergesellschaftliche Konflikte, um angemessene Anerkennung, Benennung, Aufdeckung, Aufarbeitung und Ressourcenverteilung vor dem Hintergrund von Verantwortungsüberahme bzw. -verschiebung. Ziel des Projekts ist es, Spannungsfelder, Konfliktlinien und Wechselwirkungen dieser Deutungskämpfe zwischen Verantwortungszuschreibungen, gesellschaftlichen Normen sowie sozialen und institutionellen Praktiken offenzulegen, und aufzuzeigen, wie Verantwortung in diesem Kontext gesellschaftlich ausgehandelt und politisch (nicht) umgesetzt wurde.