Deutungskämpfe um die internationale Ordnung

Der Verbund befasst sich mit historischen sowie den gegenwärtigen Deutungskämpfen um die internationale Ordnung. Wir fragen, welche Vorstellungen von Ordnungen in Deutungskämpfen konkurrieren und wie sie institutionell eingebettet sind und herausgefordert werden. Welche Machtkonstellationen machen Deutungskämpfe überhaupt erst möglich?

Ausgangspunkt ist, dass etwa in der europäischen Politik eine (menschen-)rechtsbasierte, liberale, kooperations- und handelsorientierte Ordnung als alternativlos begriffen wird – in der Konsequenz werden bestehende Alternativmodelle jedoch oft nicht oder nur als Aberration wahrgenommen. Die Modelle von Staatlichkeit und Vergesellschaftungsformen sind derweil kontingent und werden von Akteur*innen in Frage gestellt, die den europäischen Vorstellungen normativ wie prozedural entgegensteuern.

Die Teilprojekte analysieren daher, wie normative Grundlagen der internationalen Politik in Deutungskämpfen ausgehandelt werden. Dabei verbinden wir zeithistorische, friedenswissenschaftliche und weitere Perspektiven. Im Mittelpunkt stehen Deutungskämpfe um Staatlichkeit im postsowjetischen Raum nach 1990, um die ambige Position der Ukraine als gleichzeitig post-sowjetischem und europäischem Staat sowie um angemessene internationale Strukturen in Zeiten der Klimakrise.

Projektfoto folgt
Quelle: Angabe folgt

Der Zerfall der Sowjetunion und die Deutungskämpfe um die internationale Ordnung nach dem Kalten Krieg

Dr. Christian Methfessel & Prof. Dr. Isabel Heinemann
Institut für Zeitgeschichte München−Berlin

Das Projekt knüpft an die Forschung des Vorgängerprojektes zur internationalen Ordnung in den 1990er Jahren an. Es untersucht die Folgen des Zerfalls der Sowjetunion anhand der britischen und deutschen Politik und baut hierbei auf auf den Befunden zur Neuaushandlung internationaler Normen (u.a. territoriale Integrität, Selbstbestimmungsrecht, Minderheitenrechte) in Reaktion auf die kriegerische Auflösung der multi-ethnischen jugoslawischen Föderation. Angesichts der Jugoslawienkriege sollten weitere Gewalteskalationen auf dem europäischen Kontinent verhindert werden.

Die im Vergleich zu Jugoslawien zunächst überwiegend friedliche Auflösung der Sowjetunion schien auf eine insgesamt friedliche, normgeleitete Zukunft Europas hinzuweisen. Es gab jedoch schon früh gegenläufige Entwicklungen, etwa der russisch-ukrainische Disput um die Krim, der Transnistrien-Krieg infolge der Unabhängigkeit der Republik Moldau, Georgiens Kampf gegen den südossetischen und abchasischen Sezessionismus sowie der erste Tschetschenienkrieg. Bei der Erforschung des britischen und deutschen Umgangs mit solchen Konflikten fragt das Teilprojekt nach der (Nicht-)Wahrnehmung von Kontingenzen und inwieweit bestimmte Ereignisse als temporärer Rückschlag interpretiert wurden oder als grundlegende Herausforderung: als Deutungskämpfe um die europäische Friedensordnung. Diese Erfahrungen und Weichenstellungen aus den 1990er Jahren zu untersuchen, dient dem Ziel, gegenwärtige Deutungskämpfe um Staatlichkeit und Nationalitätenkonflikte zu verstehen.

Euromaidan-Proteste in Kyjiw, Dezember 2013
Quelle: Nessa Gnatoush

Die Ambiguität der europäischen Vergesellschaftung

PD Dr. Florian Kühn
School of Global Studies, Universität Göteborg

Das Projekt untersucht die Entwicklung der Ukraine von einem zunächst in europäischen Augen als postsowjetisch wahrgenommenen Land zu einem Staat mit klaren EU- und NATO-Ambitionen. Ausgangspunkt ist die Orangene Revolution (2004), die den Deutungskampf um eine engere westeuropäische Anbindung sichtbar machte. Im Zentrum steht die Frage, wie ukrainische Eliten den westeuropäischen Kurs verfolgten, ohne die Beziehungen zu Russland vollständig abzubrechen. Dabei waren sie mit Disambiguierungsversuchen konfrontiert, einerseits durch Russlands Vorgehen in Territorialkonflikten, Argumente des Minderheitenschutzes und schließlich der Annexion der Krim, andererseits durch europäische Strategien zur Förderung von Korruptionsbekämpfung, Rechtsstaatlichkeit und wirtschaftlicher Integration.

Auf Grundlage des im Vorgängerprojekt entwickelten Ambiguitätskonzepts analysiert das Vorhaben parallel bestehende politische Deutungen und deren Einfluss auf zentrale Entscheidungen der EU sowie auf die Positionen ukrainischer Partner. Es rekonstruiert die Eskalationsdynamik des Konflikts zwischen zwei regionalen Machtblöcken und untersucht die vorhandenen Handlungsspielräume. Damit entwickelt das Projekt zugleich praxisorientierte Grundlagen für eine europäische Nachkriegsordnung und leistet Beiträge zu Debatten in den Internationalen Beziehungen, insbesondere zu Global Ordering, neuer Geopolitik und der konzeptionellen Weiterentwicklung des Ambiguitätsansatzes.

Patience Nabukalu aus Uganda beim COP-Klimagipfel 2022
Quelle: Twitter/X

Deutungskämpfe um den Klimawandel

Dr. Jan Sändig & Prof. Dr. Jana Hönke
Lehrstuhl Soziologie Afrikas, Universität Bayreuth

Das Projekt untersucht die Rolle afrikanischer Klimaaktivistin*innen in Deutungskämpfen um den Klimawandel. Im Zentrum stehen Aushandlungsprozesse in der Gegenläufigkeit zwischen Vertreter*innen verschiedener Entwicklungsmodelle: von fossilem Wachstum über „grüne“ Entwicklung auf Basis erneuerbarer Energien bis hin zu Forderungen nach tiefgreifendem sozial-ökologischem Wandel sowie globaler Klimagerechtigkeit.

Vor diesem Hintergrund analysiert das Projekt die Visionen und Resonanz afrikanischer Klimaaktivist*innen. Wenngleich diese über moralisch starke claims verfügen, bleibt ihre Resonanz in der Öffentlichkeit und Klimabewegung im Westen begrenzt. Um dies nachzuzeichnen und zu erklären, wendet das Projekt die Framing-Methodik an und greift auf Forschung zu vision-making und Marginalisierung innerhalb von sozialen Bewegungen zurück. Damit schafft die Teiluntersuchung zugleich analytisch, gesellschaftlich und politisch relevante Erkenntnisse zu den Bedingungen, unter denen Deutungskämpfe die internationale Ordnung bewahren oder verändern können.