Forschungsgegenstand – Deutungskämpfe im Übergang
„Deutungskämpfe im Übergang“ untersucht, wie gesellschaftliche und politische Wandlungsprozesse ausgetragen werden und unter welchen Umständen dies zum Frieden beiträgt. Solche Übergänge entstehen etwa, wenn politische Ordnungen unter Druck geraten oder sich gesellschaftliche Vorstellungen verändern. In diesen Phasen werden häufig politische Positionen, die als „überwunden“ galten, wieder artikuliert und mit „neuen“ Ansichten verhandelt. Die Beteiligten ringen dabei um die Deutung der Vergangenheit, um ihre Positionen in der Gegenwart zu legitimieren und die Zukunft zu gestalten. Diese Auseinandersetzungen können in Gewalt eskalieren, zugleich aber auch Chancen für die Konsolidierung von Frieden eröffnen.

Deutungskämpfe um (kritische) Infrastruktur, ihre Entwicklung und ihren Schutz als Beispiel gegenwärtiger politischer Auseinandersetzungen (Foto: Dmytro Balkhovitin, lizensiert)
Der Forschungsverbund untersucht diese „Deutungskämpfe im Übergang“ aus interdisziplinärer Perspektive, mit multimethodischem Zugang und anhand von historischen und gegenwärtigen Konflikten verschiedener Weltregionen. Die Fallbeispiele reichen von Deutungskämpfen um Gewalt in der Weimarer Republik und der Bedeutung der Nürnberger Prozesse als Vorbild für die Demokratisierung Argentiniens bis zur Rolle von Ambiguität für den politischen Umgang mit Afghanistan und der Westsahara. Damit thematisiert der Verbund drängende gesellschaftliche Herausforderungen unserer Zeit, insbesondere den Wandel der internationalen Ordnung, Verantwortung für Gewalt sowie den Einfluss nicht-staatlicher Akteure.
Der Forschungsverbund „Bayerisches Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung: Deutungskämpfe im Übergang“ (2022–2028) wird durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert.
Über die Erforschung von Deutungskämpfen in Übergangsprozessen vernetzt der Forschungsverbund regionale Standorte der Friedens- und Konfliktforschung in Bayern. Beteiligt sind die Universitäten Augsburg, Bayreuth und Erlangen-Nürnberg (in der ersten Förderphase 2022–2026) sowie das Institut für Zeitgeschichte München–Berlin. Ziel der Kooperation ist es, interdisziplinäre Perspektiven innerhalb eines Bayerischen Zentrums für Friedens- und Konfliktforschung zu bündeln und weiterzuentwickeln. Mit seinem geschichts- und sozialwissenschaftlichen Profil ergänzt der Verbund die bislang überwiegend politikwissenschaftlich ausgerichteten Institute der Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland. Zugleich soll die bestehende regionale Lücke der Friedens- und Konfliktforschung in Bayern geschlossen werden.
Darüber hinaus entwickelt der Verbund breite Transfermaßnahmen, um in diesen Zeiten des rapiden politischen Wandels Orientierungswissen bereitzustellen. Dafür werden Kommunikationsformate für Multiplikator*innen, regionale Öffentlichkeiten und die Politikberatung konzipiert. So veranstaltet der Regionalverbund Workshops, Vorträge und Podiumsdiskussionen und nutzt soziale sowie klassische Medien und weitere öffentlichkeitswirksame Publikationsformate für die Wissenschaftskommunikation. Auch der akademische Nachwuchs – von Studierenden bis hin zu Postdocs – wird gezielt gefördert, um nachhaltigen Wissenstransfer zu erzielen.
Der Verbund untersucht Deutungskämpfe und damit verbundene Transitionsprozesse anhand verschiedener Schwerpunkte, die jeweils Forschende mehrerer Standorte und Disziplinen zusammenbringen. Im Fokus stehen Auseinandersetzungen um die internationale Ordnung, universale Rechte, die Rolle nicht-staatlicher Akteure sowie um Verantwortung, insbesondere für Gewalt. Dabei wird ein multimethodisches Forschungsdesign angewendet, das geistes- und sozialwissenschaftliche sowie partizipative Ansätze verbindet. Dies ermöglicht sowohl grundlagentheoretische Beiträge als auch anwendungsorientierte Erkenntnisse.
Im Zentrum der Förderphase 2026–2028 stehen die „Gegenläufigkeiten“ zeitgenössischer Deutungskämpfe. Mit diesen Konzept greift der Verbund den gegenwärtigen „Backlash“ gegen den seit den 1990er Jahren bestehenden Trend zu Liberalismus, Demokratisierung und Verrechtlichung auf. Deutungskämpfe können solche gegenläufigen Entwicklungen verstärken, mit manifesten Konsequenzen für den Frieden. Der Verbund untersucht daher, wie Deutungskämpfe unter den gegenwärtig verschärften Bedingungen gesellschaftlicher Polarisierung und schrumpfender Diskursarenen („shrinking spaces“) verlaufen und Übergangsprozesse beeinflussen.
Die Forschung ermöglicht zugleich vielfältigen Wissenstransfer, über den nachhaltige Strukturen für die Friedens- und Konfliktforschung in Bayern entstehen. In der Friedensstadt Augsburg werden mit Unterstützung des Verbunds und inzwischen durch das mitbegründete Transferzentrum Frieden Augsburg (TFA) Veranstaltungen der Reihe „Friedensakademie“ sowie die jährlichen Peace Summer Schools organisiert. In Bayreuth unterstützt der Verbund die Bayreuth Peace Talks sowie die Koordination des neu gegründeten C³ – Conflict, Crisis, and Change Research Center.
Die Forschung fließt über praxisorientierte Lehrkonzepte sowie Betreuungsangebote für Promovierende und Postdocs auch in die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ein. Nicht zuletzt bietet der Verbund nachfrageorientierte Politikberatungsleistungen an – über Policy Papers und im direkten Dialog.
Mit Fokus auf interpretative Ansätze knüpft der Forschungsverbund „Deutungskämpfe im Übergang“ an zentrale Aspekte der Friedens- und Konfliktforschung sowie verwandter Disziplinen an.
Entsprechend soziologischen, politikwissenschaftlichen und anthropologischen Ansätzen geht der Verbund davon aus, dass Übergänge zwischen gewaltsamen Konflikten und Frieden oft fließend sind. Auch die historische Friedens- und Konfliktforschung betrachtet zunehmend Prozesse der Mobilisierung und Demobilisierung, anstatt von scharfen Zäsuren wie Kriegserklärungen oder Waffenstillständen auszugehen. Anlehnend an die Geschichtswissenschaften untersucht der Verbund zudem Deutungen der Vergangenheit und die damit verbundenen Auseinandersetzungen. Dabei sollen jedoch nicht die „richtigen” Deutungen der Vergangenheit ermittelt, sondern die Wirkmächtigkeit bestehender Deutungen, Prozesse gesellschaftlicher Selbstverständigung sowie Auseinandersetzungen um Zukunftsvisionen erhoben werden. Besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem Zusammenwirken von Macht, Gewalt, Legitimation und Erinnerung im politischen Wandel.
Die Untersuchungen greifen zudem den Forschungsstand zu Konflikttransformation und Peacebuilding nach Gewaltkonflikten auf. Insbesondere die Transitional-Justice-Forschung befasst sich mit gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Übergangsprozessen. Im Mittelpunkt standen dabei bislang jedoch vor allem die juristische Aufarbeitung vergangener Gewalt und deren mögliche Risiken für den Frieden. Zugleich schließt der Verbund an post- und dekoloniale Theorien an, die Herrschaftsverhältnisse und verborgene Gewalt sichtbar machen. Übergänge können demnach auch entstehen, wenn neue Deutungen verborgene Gewalt aufdecken oder Gewaltakte der Vergangenheit neu bewertet werden.
Darüber hinaus greift „Deutungskämpfe im Übergang“ aktuelle Forschung aus den Internationalen Beziehungen zum Wandel der internationalen Ordnung auf. Untersucht werden außenpolitische Entscheidungen, transnationale Verflechtungen sowie die Rolle des Völkerrechts und der Menschenrechte.
Der Forschungsverbund baut auf den langjährigen Erfahrungen der beteiligten Partner in der Friedens- und Konfliktforschung sowie Wissenschaftskommunikation auf.
Zu den Forschungsschwerpunkten des Lehrstuhls für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Augsburg (Prof. Dr. Christoph Weller) gehören die Ursachen und die Legitimation von Gewalt. Dabei wird ein breiter Gewaltbegriff zugrunde gelegt, der physische, strukturelle, kulturelle und epistemische Formen der Gewalt umfasst. In diesem Zusammenhang erforschen die Wissenschaftler*innen des Lehrstuhls auch Erinnerungskulturen, postkoloniale Perspektiven sowie die diskursive Verarbeitung von Übergängen. Diese Erkenntnisse fließen in gesellschaftspolitische Aktivitäten in der Friedensstadt Augsburg ein.
Der Lehrstuhl für Soziologie Afrikas an der Universität Bayreuth (Prof. Dr. Jana Hönke), an dem die Verbundkoordination sitzt, nutzt Ansätze der globalen politischen Soziologie sowie Internationalen Beziehungen, um Konfliktpraktiken zu erforschen. Während der regionale Schwerpunkt auf dem Globalen Süden und insbesondere Afrika liegt, werden auch transnationale Verflechtungen und das globale Regieren einbezogen. Die Bayreuther Verbundforschung befasst sich mit der Verantwortung multinationaler Unternehmen für Gewalt, dem Einfluss afrikanischer Klimaaktivist*innen innerhalb der globalen Klimabewegung sowie der Rolle von Ambiguität und ihrer Vermeidung für internationale Interventionen und Statebuilding-Prozesse. Lehrstuhlinhaberin Prof. Dr. Jana Hönke leitet zudem das mittlerweile gegründete C³ – Conflict, Crisis, and Change Research Center an der Universität Bayreuth.
Das Institut für Fränkische Landesgeschichte an der Universität Bayreuth ist über PD Dr. Julia Eichenberg am Verbund beteiligt. Sie bringt Perspektiven der historischen Friedens- und Konfliktforschung ein, insbesondere um Demobilisierungsprozesse in Nachkriegsordnungen sowie Deutungskämpfe um die Verantwortung für Gewalt zu erörtern.
Das Institut für Zeitgeschichte München−Berlin (geleitet von Prof. Dr. Isabel Heinemann, zuvor Prof. Dr. Andreas Wirsching) erforscht die deutsche Zeitgeschichte in ihren internationalen und globalen Bezügen. Dabei werden vielfältige Übergänge betrachtet, u.a. im Hinblick auf Demokratisierung, historisches Selbstverständnis und transnationale Beziehungen. Das Institut bringt zudem seine Forschungsinfrastruktur (Archiv, Bibliothek, digitale Angebote, Öffentlichkeitsarbeit und Transfer) in den Verbund ein.
Der Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg (Prof. Dr. Simone Derix, beteiligt von 2022–2026) sowie das Center for Human Rights Erlangen-Nürnberg (CHREN) befassen sich aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive mit transnationalen Akteur*innen, Netzwerken und Wahrnehmungen in Phasen des Übergangs. Besonderes Augenmerk gilt dabei der Geschichte der Menschenrechte in Südamerika.
Der Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg (Prof. Dr. Dietmar Süß, beteiligt von 2022–2026) wendet Ansätze der historischen Gewalt- und Konfliktforschung an. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Gewalt nicht etwa ein Gegenentwurf, sondern integraler Bestandteil moderner Gesellschaften ist. In verschiedenen Projekten untersuchen die Mitarbeiter*innen Gewalt- und Konflikterfahrungen, die Verwissenschaftlichung von Kriegsführung und Friedensbildung sowie die Rolle von Kirchen in Gewaltkonflikten.